Autor
Hermann Weigand
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Erschienen in
Chiemgauer Kalendergeschichten 2008
Verlag
Anton Plenk, Berchtesgaden
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Peter Müllritter - leidenschaftlicher Bergsteiger und Kameramann

 

 

Vergangenes Jahr wäre Peter Müllritter 100 Jahre alt geworden. Geboren am 2. August 1906 als Sohn des Schneidermeisters Ludwig Müllritter und seiner Mutter Eleonora Müllritter, geborene Peretti, zog es ihn schon mit jungen Jahren in die Berge, deren Gipfel im Süden verlockend vor dem Chiemsee aufragten. Zunächst jedoch zog seine Familie von Grabenstätt kurz vor dem I. Weltkrieg nach Trostberg und Ende der 20er Jahre nach Traunstein in die Au um. Dort lernte er in jungen Jahren die Bergsteigerclique rund um Willy Merkl, Fritz Bechtold und Willi Bogner kennen und von da an nahm seine bergsteigerische Entwicklung ihren stürmischen Lauf.

 

Berge waren die Leidenschaft von Peter Müllritter, so sehr, dass sich alles diesem Lebensziel unterzuordnen hatte. Auch wenn alles leicht und spielerisch schien, so war es doch immer sein erklärtes Ziel als Bergsteiger eigene, neue Wege zu gehen. Die Quellen über den jugendlichen Peter Müllritter sind nur spärlich. Am treffendsten schreibt der Bruder von Willy Merkl, Karl, über die junge Bergsteigerclique in seinem Buch „Weg zum Nanga Parbat“:

 

„Schon mit zwölf, dreizehn Jahren standen fast alle Gipfel südlich von Traunstein in den Tourenbüchern der Bubenschar. Sommer wie Winter trieben sie sich in den Bergen herum, kletterten im Fels oder zogen mit Skiern ihre Spuren in die Berghänge der näheren Umgebung. Mit vierzehn Jahren bereits machte Peter mit seinem um sechs Jahre älteren Freund eine Erstbegehung im Südwandkamin des Knittelhorns in Berchtesgaden, eine heute noch beinahe unglaubliche Leistung.

 

Zu Beginn der Woche hatten sie in der Schule oft Mühe, die Augen offen zu halten. Mehrmals musste der Lehrer sich bei den Eltern und Großeltern wegen der gefährlichen und Kräfte raubenden Ausflüge beschweren und die Buben zu mehr Lerneifer ermahnen. Aber es half nur wenig. An den Wochenenden ging es immer wieder aufs Neue mit den Fahrrädern hinaus in die Berge, später dann mit dem Motorrad, mit Zelt und großem Gepäck.“

 

Die Herausforderungen wuchsen und verlangten immer mehr Mut, Ernst und Verantwortung. Gemeinsam mit Merkl, Bechtold und Bogner überwand er immer größere Schwierigkeiten, sammelte neue Erfahrungen und verfeinerte sein Können und seine Klettertechnik. Bei der Erstbegehung am Knittelhorn war Müllritter erst 14 Jahre alt. Vier Jahre später legte er bei der Durchsteigung der Südwand am Mühlsturzhorn sein Meisterstück ab. Wie man in einer Biographie über Willy Merkl nachlesen kann, wollten er, Bechthold und Bogner bereits umkehren, weil in der fugenlosen Felsplatte scheinbar kein Durchstieg möglich war. Müllritter suchte mit seinen 18 Jahren wild entschlossen und in jugendlichem Trotz weiter und fand schließlich die entscheidenden Tritte und Griffe. Dieser Erfolg machte ihn zum allseits respektierten Alpinisten. Ab diesem Zeitpunkt begann seine systematische Vorbereitung für immer größere Aufgaben. Begehungen in den Dolomiten und im Karwendel folgten. Gleichzeitig begann Müllritter zu fotografieren und zu filmen und entdeckte sein Talent für Bilder. Immer anspruchsvoller wurden seine Routen, immer höher die Berggipfel und immer akribischer seine Fotodokumentationen. Beide, Merkl und Müllritter fühlten sich getrieben von einer Leidenschaft, als hätten sie geahnt, dass ihnen nur ein kurzes Leben bleiben würde. Vielleicht wollten sie es deshalb umso intensiver ausleben.

 

Schließlich war es sein Freund Willy Merkl, der Bild- und Kartenmaterial vom Dach der Welt zu seinen Freunden nach Traunstein brachte und in ihnen die Sehnsucht nach neuen Herausforderungen mit den Eisriesen Zentralasiens weckte: Die riesige Eisflanke des Rakiot Peak und der Gipfel des Nanga Parbat.

 

Mit Eiskursen in den Hohen Tauern und am Glockner bereitete sich Müllritter systematisch auf die große Herausforderung vor. Seine Gesundheit schien unverwüstlich, seine Ausdauer und seine Willenskraft unerschöpflich und die Bilder, die er von seinen Trainingstouren mitbrachte, beeindruckten die Bergkameraden. Davon sichtlich beeindruckt berief ihn Willy Merkl 1934 als Kameramann zum Mitglied der Nanga Parbat Expedition.

 

Selbst heute noch spricht aus Müllritters Bildern ein besonderes Gespür für die Landschaft, für die Spannung des Augenblicks und für die Menschen am Berg. Kaum einem Außenstehenden ist klar, welche Schwierigkeiten den Kameraleuten während der Expedition bei diesen unvorstellbaren Dimensionen in Schnee und Eis im Wege standen. Ihre Arbeiten mussten sich in das Unternehmen einordnen, ohne es zu belasten. Der Kameramann muss Bergsteiger sein und seine bergsteigerische Aufgaben im Rahmen der Mannschaftsleistung wie jeder andere erfüllen. Für seine Arbeit muss er die Aufnahmegeräte und das Filmmaterial in die vordersten Reihen schaffen und den Stoßtrupp so hoch wie möglich begleiten. Mit zunehmender Höhe wachsen die Schwierigkeiten in der immer dünner werdenden Luft quadratisch, um Handlungen zu vollbringen, die nicht unmittelbar mit der Fortbewegung und mit den primitivsten Erfordernissen der Selbsterhaltung zusammenhängen.

 

Für diese Arbeiten gab es in den Reihen der Expeditionsteilnehmer zwei Männer, die durch ihre natürliche Veranlagung, die Widerwärtigkeiten des Lebens von der fröhlicheren Seite anzupacken, geradezu vorbestimmt waren. Der eine war Peter Müllritter, ein Lebenskünstler im besten Sinne des Wortes, für den Schwierigkeiten einfach nicht da zu sein schienen, der andere war der Sherpaträger Pasang, mit dem Beinamen Picture. Müllritter war Bergsteiger, Standfotograf, Filmregisseur und Darsteller in einer Person. Wenn der Weg weit, die Kleidung nass und der Rucksack schwer war und die Kameraden und Träger nicht mehr vor die Kamera wollten, dann machte er das Unmögliche möglich und führte mit zwerchfellerschütterndem Witz Regie. Wenn dann schließlich aus vielen Einzelszenen trotzdem ein geschlossener Dokumentarfilm wurde, dann war das ausschließlich sein Verdienst.

 

Die Expedition 1934 wurde jedoch knapp vor Erreichen des Zieles durch eine furchtbare Unwetterkatastrophe zurückgeschlagen. Müllritters alter Jugendfreund Willy Merkl, aber auch Willo Welzenbach und Uli Wieland sowie sechs Träger blieben am Firngrat des Nanga Parbat zurück. Der nach Hause gebrachte Film aber wurde zum bergsteigerischen Denkmal, in dem Müllritter ihren Kampf und ihre Hingabe an ein hohes Ziel von fast übermenschlicher Größe aufzeigte.

 

Auch 1937 war Müllritter Kameramann und sein Assistent war wieder Pasang. Müllritter war mit seiner Kamera aufs engste verwachsen und mit allen Einzelheiten der Landschaft vertraut und wie kein zweiter dazu berufen, der Filmchronist des Unternehmens zu werden. Manche Tagesstrecken legte er oft doppelt und dreifach zurück, um die Fülle der Eindrücke im Bild und im Film festzuhalten. Aber auch Peter Müllritter verschonte der Bergriese nicht. Kurz vor Erreichen der Gipfelroute hat der Nanga Parbat ihn samt der tapferen Mannschaft und zehn treuen Trägern für immer oben im Eis behalten. Das Bergungsunternehmen konnte Peter Müllritter, verschüttet unter einem riesigen Eisblock, nicht mehr finden, wohl aber sein letztes Werk, das der Luftdruck der Lawine hunderte Meter weit durch die Luft geschleudert hatte. Lebendig und doch einfach ziehen heute noch die Bilder seines Expeditionsfilms von 1937 in beeindruckender Schönheit an uns vorbei und lassen uns erahnen, was den Menschen Peter Müllritter trieb.

 

Menschen, die sich für lange Zeit draußen in der Natur bewegen, haben oft ein besonderes Gespür für Dinge, die vielen anderen Menschen verborgen bleiben. Gerade auch die Bergsteiger entwickeln oft eine Art siebten Sinn. Sie nehmen die Warnungen der Natur, die Veränderungen des Lichtes oder des Windes wahr, lange bevor andere Menschen sie bemerken. Mitunter fühlen sie instinktiv, woher Gefahren durch Wettersturz, Steinschlag oder Lawinen drohen. Auch Peter Müllritter dürfte so einen siebten Sinn besessen haben, wie aus seiner filmischen Arbeit immer wieder zu spüren und zu ersehen ist. Nach einer sehr schwierigen Durchsteigung am Mühlsturzhorn wäre er beim verhältnismäßig leichten Abstieg vom Gipfel in der anbrechenden Dunkelheit beinahe in eine tiefe Doline gestürzt. Wahrscheinlich noch ganz unter dem Eindruck dieses Vorfalls schrieb er im Alter von 18 Jahren ein Gedicht, das er Willy Merkl oder Fritz Bechtold widmete und das uns, auf einer einfachen Karte geschrieben und gezeichnet, heute wie eine Prophezeiung vorkommt. Im Sommer 1937 hat sich diese Bitte in tragischer Weise erfüllt wie nachfolgender Text zeigt.